Simone Jahn – die „deutsche Marie Kondo“ im Interview

Simone, Du bist – neben vielem anderen – Aufräum-Coach. Für alle, die sich einen Eindruck vom Angebot machen wollen, die mögen hier mal klicken. Aber in aller Kürze, was machst Du da genau, wenn Du als Aufräum-Coach tätig bist?

Das ist mitunter recht unterschiedlich, da die Menschen und die Ursachen für die bedrückende Unordnung vielfältig sind.
Manchmal reicht ein Gespräch aus, um einen Menschen zu befähigen, die Situation anders zu sehen und in Aktion zu kommen. Da schaue ich genau mit Menschen auf die Aspekte, die sie stören, die sie nicht gelöst bekommen, die festgefahren zu sein scheinen. Da werden erst mal „nur“ gedankliche Knoten gelöst.

Ich habe aber auch schon in der Abwesenheit von Kunden deren Sachen aufgeräumt oder so vorsortiert, dass die Auswahl der Dinge, die zu viel sind, leichter wird.
Ich bin präsent, mache Handreichungen, schaue auch gerne nach kleinen möglichen Veränderungen, die in der Summe einen großen Unterschied machen.
Ich schlage mögliche Lösungen vor, dann wird den Kunden klar, ob ihnen die Idee gefällt, und wenn nicht ist das Nachdenken über die persönlich liebere Herangehensweise angeregt.
Es ist jedes Mal ein spannender Prozess

Was war Dein für Dich ergreifendstes Erlebnis im Rahmen dieser Tätigkeit?

Das war, als eine Kundin so dankbar war, endlich zu sehen, dass sie nichts falsch macht, sie sich nicht schämen muss.
Sie kam in ein neues Selbstverständnis, hat sich und ihre Situation ohne diese moralische, persönlich abwertende Bewertung sehen können und konnte entspannter mit sich und ihren unerledigten Dingen sein.
Das ist mir, da ich selber diesen Platz so gut kenne enorm wichtig, dass meine Auftraggeber auch in der Hinsicht entrümpeln:
Die Idee, dass man immer alles aufgeräumt haben muss. Und dass es leicht ist, weil andere können das ja! Hohe Selbsterwartungen gehören genauso auf den Prüfstand wie beispielsweise der 56te Teelichthalter, der in der Küchenschublade beim Besteck liegt.

Und ich bin jedes Mal von dem Vertrauen ergriffen, das mir meine Kunden entgegenbringen. Sie lassen mich sehr weit in ihr Persönlichstes schauen. Das ist sehr nah, da alles für die Menschen große Bedeutung hat/ haben kann.

Aufräumen, Entrümpeln, Ausmisten,… das alles wird ja oft als Essenz der Minimalismus-Bewegung verbraten. Was verstehst Du – ganz persönlich – unter Minimalismus?

Für mich ist Minimalismus eine Reise zu mir selbst, die dann aufhört, wenn ich ins Gras beiße. Ich denke, man kann auch Minimalist mit vielen Dingen sein, wenn sie genug Raum haben, Klarheit über ihren Persönlichen Zweck besteht und keine Verhaftung an den Gegenständen besteht.
Da geht es um die Erkenntnis, dass wir in einer Zeit leben, in der uns scheinbar alles zur Verfügung zu stehen und möglich zu sein scheint, wir aber zeitlich, räumlich und durch unsere uns zur Verfügung stehende Energie ein (persönlich variables) Limit haben.
Wir tendieren in der heutigen Zeit dazu, dies zu ignorieren und uns zu überfordern. Wir haben an dem Vielen, das wir dann doch nicht richtig machen und gar nicht nutzen können keinen Spaß.
Ich zitiere hier mal Gunther Schmidt, Hypnotherapeut, der viel mit Burnoutpatienten in seiner Klinik arbeitet: 
„Die Kraft in einem System kommt aus der Begrenzung des Systems. Sonst diffundieren Ihre Kräfte ins Weltall.
Jedes lebende System hat eine entscheidende Aufgabe, die Innen- Außenunterscheidung zu machen, um damit eine Kontur zu bilden, die die Kräfte in sich selbst zieldienlich in sich bündeln können.
Also ist Begrenzung geradezu die Voraussetzung von gesundem Leben.“

Wo liegt der Ursprung Deines Minimalismus, wie hat alles bei Dir angefangen?

Das fing an, als ich mit einem damals noch 6 Personen Haushalt umgezogen war, ich mich um vier Kinder gekümmert habe (zwei davon Pflegekinder, die durch ihre Persönlichkeiten) viel von mir forderten und ich einen Burnout entwickelt habe. 
Ich war bis zu meinem Burnout kein ordentlicher Mensch gewesen, wie ich Menschen sehe, die ich als ordentlich bezeichne. Den Satz: „Bei Dir ist es immer so schön aufgeräumt!“ habe ich noch nie gehört. (Und ich würde mich, auch wenn ich Aufräumcoach bin, selber immer noch nicht als einen ordentlichen Menschen bezeichnen!)
In eine Mutter- Kind- Kur oder Klinik wollte ich nicht. Ich fing stattdessen an, auszumisten. Vier Wochen lang war mein Mann zu Hause, kümmerte sich um die täglichen Routinen mit den Kindern, kochen, waschen, Fahrdienste, einkaufen etc. und ich räumte wie eine Blöde.
Ich habe mit jeder Kiste Zeugs, das die Wohnung verlassen hat und jedem sinnigen Platz, der nun klar für Dinge festgelegt wurde mehr Energie bekommen.
Und da ich bei Freundinnen früher schon gerne aufgeräumt habe entstand die Idee, das beruflich anzubieten.

Ich höre aus Deinen Antworten heraus, dass minimalistisch zu Leben kein Endziel ist, sondern ein andauernder Prozess. Wohin zielst Du persönlich ab, wohin geht Deine persönliche minmalistische Reise?

Auch ich stelle fest, dass sich in unserem Haushalt Dinge befinden, die ihren Zweck erfüllt haben und nun gehen können. Da würde ich gerne schneller sein, damit, die loszuwerden. Auch kann ich mich selber noch mehr darin üben, nicht spontan einer guten Idee zu verfallen und gleich loszupreschen. Mehr innehalten.
Auch mit minimalem Einsatz größtmögliche Ergebnisse erzielen ist ein Studier- und Probierfeld, an dem ich Freude habe.
Wenn die Kinder dann eines Tages ausgezogen sind, wird eine neue Phase der Untersuchung „Was brauche ich, um glücklich zu sein und kraftvoll meine Leidenschaften, meine Berufung leben zu können“ mit entsprechenden Trennungen und Neuanschaffungen beginnen.

Hier habe ich eine Antwort auf eine Frage, die den Minimalismus in den gesellschaftlichen/ wirtschaftlichen Kontext stellt. : )

Minimalismus ist in meinen Augen einer der Königswege zur „Wahrscheinlichermachung“ des Fortbestehens der Menschheit an sich.
Weltweit haben alle menschlichen Spezies um die 10-15 Grundbedürfnisse.
Dazu gehören allerdings nicht wirklich beispielsweise Taschen- oder Autosammlungen. Diese sind dann nur ein in der heutigen Zeit möglicher persönlicher Ausdruck z.B. des Bedürfnis nach Sicherheit oder Dazugehören oder Autonomie. Das ist nur für uns selber gar nicht gut zu durchschauen, da wir diese grundsätzlichen „Mechanismen“ und Aspekte, was uns als Mensch ausmacht und wie wir unsere Identitäten entwickeln nicht in den Schulen gelehrt wird. Das passiert dann alles so zufällig und dann stehen wir da vor unseren Bergen von Müll, Terminen und angefangenen Projekten und haben dennoch das Gefühl, dass es das jetzt irgendwie doch nicht gewesen ist.
Wenn es uns gelänge, die Grundbedürfnisse für jeden Menschen zu sichern und wenn sich jeder darüber bewusst wäre, würde sich vieles in Wohlgefallen auflösen, was ich als eine kranke, übertriebene, verschwenderische und absurde Entwicklung bezeichnen würde.

Dazu müssten wir allerdings das alte Finanzsystem ausmisten, was durch die Zins- und Zinseszinsdynamik diesen gigantischen Konsumapparat am Laufen hält und endlich ein Bildungssystem schaffen, in dem die Kinder über sich selbst viel mehr lernen. Das hat ganz viele Aspekte und tiefe Dimensionen.

Unordnung

Vielen Dank für Deine Antworten, die mir ganz schön was zum Weiterdenken geben!

Das Interview führte … eure @mons7.

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s