Mein Weg zum Minimalismus | Gastbeitrag

MirkaDies ist ein Gastbeitrag der Bloggerin Mirka von Lilienthal, die „Aus der Sockenschublade“ bloggt (und als @verdachtsmoment twittert). 🙂 Sie ist ab sofort nicht mehr „nur“ Minima Muse Leserin, sondern auch Gastbeiträgerin – ich freu mich! Angeregt durch Monis Artikel über ihren ersten Minimalismus-Moment als Kind, erzählt uns Mirka hier und heute, wie eine verweste Mandarine sie im zarten Alter von acht Jahren überhaupt nicht beeindruckt hat, die Erinnerung daran 15 Jahre danach jedoch umso mehr… Lest selbst!

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Mein Weg zum Minimalismus

Zu benennen, wann das mit mir und dem Minimalismus angefangen hat, fällt mir alles andere als leicht. Zu benennen, wann es nicht begonnen hat, ist dagegen viel leichter: Wir schreiben das Jahr 2001, ich besuche die zweite Klasse und es ist der Tag der schimmelnden Mandarine. Wohlwollend kann man in diesem Zusammenhang vielleicht von einem Zwischenfall reden, weniger wohlwollende Stimmen würden von der Ekelapokalypse sprechen.

Meine damalige beste Freundin half mir dabei, mein Zimmer aufzuräumen – sie räumte gerne auf, etwas, das mir zu dem Zeitpunkt völlig suspekt war – und irgendwo in einem meiner chaotischen Schränke fanden wir eine Tasche. So weit so gut. Die Brotdose mit einer fast zu Asche verwesten Mandarine: Alles andere als gut. Wäre ich damals nicht acht Jahre alt gewesen, dann hätte das vielleicht ein Erweckungsmoment sein können, aus dem ich mit einem „Sowas darf nie wieder passieren“ hervorgegangen wäre. Da ich aber erst Acht war und ein unordentliches, von Geschenken überhäuftes Einzelkind, ging alles ziemlich genau so weiter, wie zuvor.

Mit den Jahren wurde ich ordentlicher und strukturierter, ja. Zu viele Sachen hatte ich aber immer noch, denn: Was man einmal besitzt, das bleibt an einem haften wie eine Klette. Ich konnte bei fast allen Sachen genau und ohne zu zögern sagen, ob ich sie wirklich benötige, das schon. Aber dann stand ich vor einem Dilemma: Sie waren zu schade, um sie einfach wegzuschmeißen (besonders wenn man eine Mutter hat, die zum Horten neigt und immer wieder daran erinnert hat, was etwas gekostet hat, als man es gekauft hat), aber eigentlich zu überflüssig, um sie zu behalten. Spenden hatte ich auch immer mal wieder im Kopf, aber bei vielem wusste ich dann doch nicht, wer daran Freude oder Interesse haben könnte. Also tat ich einfach… gar nichts! Und, lasst euch gesagt sein: Man kann wirklich verdammt lange gar nichts tun und seinen Besitztümern beim Zustauben zuschauen.

In den letzten beiden Jahren bin ich vier Mal umgezogen. Der erste Umzug war von zu Hause aus, aus meinem riesig großen Elternhaus, in meine erste WG. Damals nahm ich einige Kisten voll Sachen mit, von denen ich nach und nach Dinge zurück nach Hause brachte, die ich dann doch seltener benötigte, als anfangs gedacht (bereits gelesene Bücher, DVDs, meinen Fernseher…). Möbel hatte ich noch keine, ein Teil des Zimmers war schon möbliert, den Rest lieferte mir der blau-gelbe Schwede bis ins Zimmer. Seit diesem Umzug ins Erwachsenenleben sind zwei weitere WGs gefolgt (zwischen denen ein Stadtwechsel lag) und schlussendlich der überfällige Schritt in die erste komplett eigene Wohnung. Natürlich musste ich noch ein paar Möbel anschaffen, die in meinen WGs schon vorhanden waren (Esstisch und Stühle zum Beispiel!), aber sieht man von einer übermäßig gut ausgestatteten Küche (die ich auch in vollen Zügen auskoste), ist dort alles relativ überschaubar und für meine Verhältnisse minimalistisch. Dort liegen die Probleme also definitiv nicht, vor allem, weil ich mit jedem Umzug erkannt habe, wie angenehm es ist, wenn man wenig hat, das in Kisten gepackt werden muss. (Und dass ich nie wieder im dritten Stock wohnen will, habe ich auch erkannt – aber das ist eine andere Geschichte!) Was ich in meiner kleinen (knapp über 30 Quadratmeter, was, wenn es sich um eine gut geschnittene Wohnung handelt, für eine Person wirklich und ehrlich genug ist) Wohnung noch minimieren könnte: Meinen Kleiderschrankinhalt. (Vielleicht mache ich einfach beim 333 Projekt mit?)

Die Probleme liegen also immer noch genau dort, wo sie schon lagen, als wir vor fast 15 Jahren beinahe ehrfürchtig die mutierte Mandarine aus ihrem Gefängnis befreiten: Zu Hause. Sie liegen dort, wo meine sechs Diddl-Mappen liegen (ja, ich war eines dieser Mädchen!), meine unzähligen Puppen, drei Müllsäcke voll Stofftiere, mehr als 1.000 Bücher (nein, das ist kein Scherz – und vermutlich sind es sogar eher 2.000 oder 3.000), unzählige angebrochene Beautyprodukte… Und irgendwann im Laufe dieses fast beendeten Jahres habe ich erkannt, dass ich mich diesen Problemen stellen muss. Alles fing damit an, dass ich beschloss, ganz allgemein etwas Ordnung zu schaffen. In meinem Elternhaus bewohne ich eine mittelgroße Wohnung unter dem Dach, die ziemlich vollgestellt ist, obwohl ich es eigentlich viel lieber leer und frei mag. Als ich im Internet nach Tipps zum erfolgreichen Ausmisten suchte, stolperte ich immer mal wieder über den Begriff Minimalismus – und schließlich über das eBook „Miss Minimalist: Inspiration to Downsitze, Declutter, and Simplify“ von Francine Jay, die in ihrem Buch sehr praktische Tipps für den Einstieg in ein minimalistisches oder zumindest minimalistischeres Leben gibt. Und dann war ich drin. Drin im „Minimalismussumpf“. Habe Blogs gelesen, bin Facebook-Gruppen beigetreten, habe Listen angelegt und Pläne geschmiedet, wie ich dem ganzen Chaos Herrin werden kann.

Das ist jetzt alles schon einige Monate her. Da mein Zeitkontingent aktuell eher schmal ist, geht bei mir alles in kleinen Schritten, obwohl ich die großen Ideen in meinem Kopf habe, obwohl dort ständig neue Utopien passieren. Utopien von einem plastikfreien und müllreduzierten Leben. Von einem noch verantwortungsvollerem Konsum. Vom grenzenlosen Selbermachen. Von übersichtlichen Schränken, leeren Flächen. Es gibt Wochen und Monate, wo das alles besser klappt. Und es gibt Monate, wo (gefühlt) gar nichts läuft. Eigentlich bin ich auf einem ganz guten Weg: Ich bin seit fast dreieinhalb Jahren Veganerin, ich versuche Fahrgemeinschaften zu bilden (was nicht so gut klappt, wenn man aus dem Nirgendwo kommt und sogar in der Studienstadt auf dem Dorf wohnt) und ich habe, vor allem in den letzten Monaten, meinen Konsum radikal eingeschränkt, was sich natürlich auch an meinem Kontostand zeigt. Das meiste Geld gebe ich aktuell für gutes Essen und Erlebnisse aus.

Vor wenigen Monaten stand ich vor der Frage, wie ich das mit dem Minimalismus anpacken möchte. Ich habe mich für das wellenförmige Ausmisten entschieden: Erstmal ein paar Misthaufen grob und dann immer und immer wieder. Ein Beispiel: Ich habe mich vor mein DVD-Regal gestellt und entschieden, welche DVDs ich garantiert in den nächsten 5 Jahren nicht gucken werde. Dann habe ich mich einer anderen Ecke zugewendet. Ein paar Tage später habe ich mich wieder zu meinen DVDs bewegt und entschieden, worauf ich wohl in den nächsten drei Jahren nicht zurückgreifen würde. Und so weiter. Aktuell habe ich fast nur noch DVDs im Regal stehen, die ich regelmäßig gucke und an deren mein Herz hängt. Auch beim DVD-Kauf bin ich mittlerweile viel überlegter, weil ich mir immer wieder vor Augen führe, wie anstrengend es war, mich von der Hälfte meines vollen Regales zu trennen. Seitdem ich meine DVDs ausgemistet habe, habe ich vielleicht drei neue Serienstaffeln gekauft, die schon länger auf meinen Listen waren, und ansonsten ein paar DVDs bei Tauschticket ertauscht. Im Vergleich dazu, wie viele DVDs sonst so bei mir Einzug gehalten haben, ist das echt ein riesengroßer Sprung. Außerdem merke ich, gerade in meiner kleinen Studienwohnung, wie viel weniger Arbeit es macht, wenn alles frei und übersichtlich ist: Das Putzen und Instandhalten ist keine Mammutaufgabe.

Zusammenfassend würde ich meinen Weg zum Minimalismus als lange Reise beschreiben, die immer noch in ihren Babyschuhen steckt. Es steht noch unglaublich viel zwischen mir und meiner Utopie von einem minimalistischen, fairen, umweltverträglichen und nachhaltigen Leben. Aber die ersten Schritte sind gemacht und wenn ich erstmal einige Schritte gegangen bin, dann kehre ich selten um. Umkehren ist schon lange keine Option mehr.

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3 Gedanken zu “Mein Weg zum Minimalismus | Gastbeitrag

  1. Hallo Mirka,

    schon erstaunlich, wie resistent man als Kinder gegenüber Ekelangelegenheiten ist, oder?

    Bei mir hat auch alles mit diversen Umzügen angefangen. Ich steckte lange Zeit (und tue es manchmal auch heute noch) in der gleichen Situation wie du, und kann deine Gedanken sehr gut nachvollziehen! Das gilt besonders für die DVDs, von welchen ich mittlerweile gar keine mehr besitze.

    Herzlicher Gruß,
    Philipp

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  2. Oh ja – das erlebe ich auch jeden Tag auf der Arbeit (ich bin angehende Erzieherin): Die Ekelgrenzen von Kindern sind sehr .. schwammig. Außer bei Spinnen, Spinnen sind ekelig und totgefährlich – komisch, dass Mirka immer verbietet, die kaputt zu machen… 😛

    Gar keine DVDs zu besitzen kann ich mir (noch?) nicht vorstellen, aber ich besitze tatsächlich nur noch Lieblingsserien und -filme, die ich gerne im Regal stehen habe. 🙂

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