Von den Dingen zwischen den Menschen

Eine Geschichte ist nicht gut, weil sie wahr ist,
sondern weil sie Dich berührt.


 

Es war Mundraub – das versuchte ich meinem Gewissen einzureden. Freundschaften zerbrechen oder wachsen an den moralischen Verwerfungen des Lebens. Meine Freundschaft zu C. ist an einem Paar gestohlener Sandalen in den Neunzigern gewachsen. Es waren ihre und ich hatte sie geklaut. Das wusste sie natürlich nicht. Jahrelang blieb es ihr ein Rätsel, wo sie hingekommen sein könnten. Aus irgendeinem Grund konnte sie sie nicht vergessen, obwohl ihr Kleiderschrank immer überquoll. Silberfarben waren sie, todschick und einfach irre bequem (das fand ich übrigens auch…). Ich hatte sie mitgehen lassen, als ich für ein paar Monate in ihrer Eigentumswohnung leben durfte, die ihre Eltern ihr gekauft hatten. Sie brauchte die Wohnung zu der Zeit gerade nicht, genau so wenig den Inhalt ihres riesigen Kleiderschrankes. Seit unserem vierzehnten Lebensjahr waren C. und ich unzertrennlich. Sie hatte alles, was ich nicht hatte – und andersrum. Sie hatte die Einladungen zu den coolen Partys, ich die guten Noten. Mit mir schaffte sie das Abitur, sie brachte mir Schminken bei und Küssen. Wir ließen uns den gegenseitigen Neid nie spüren, viel zu gut wussten wir, was wir aneinander hatten…

Die Sandalen befanden sich also in meinem Besitz, längst war ihre Eigentumswohnung aufgelöst, sie lebte in Berlin, ich in Hamburg. Der denkwürdige Moment ereignete sich in meiner damaligen WG-Küche, in der C. und ich chillten und uns über die Bedeutung von Freundschaft unterhielten. Was ich jetzt schreibe, ist nicht erfunden: Genau in dem Moment, in dem ich gerade einen längeren Sermon über „Freunde belügt und beklaut man nicht“ beende, klingelte es an der Haustür. Es war meine Nachbarin, die sich vor ein paar Tagen ausgesperrt hatte. Und weil ihr dies barfuß geschehen war, hatte sie bei mir geklingelt und um Hilfe gebeten. Ich lieh ihr … genau: die silbernen Sandalen, welche sie mir jetzt freudestrahlend entgegenhielt und sich lautstark bedankte. Ich schaltete in dem Moment noch nicht, zu gut funktionierte bei mir die Verdrängung meiner Verfehlung, betrat mit den Sandalen in der Hand die Küche und wollte gerade ansetzen zu erzählen, was da an der Wohnungstür los war, als ich sah, wie C. die Sandalen in meiner Hand ansah und dann mich.

Es gibt Momente, in denen können wir nur darauf vertrauen, dass die Liebe stärker ist als jedes andere Gefühl. So war es und dafür bin ich C. bis heute sehr dankbar. Denn es war einer der peinlichsten Momente in meinem Leben.

*

Und die Moral von der GEschicht? Wenn sich die Dinge zwischen die Menschen schieben, ist es Zeit, das eigene Verhältnis zu den Dingen und den Menschen neu zu ordnen. Minimalismus kann dafür ein Weg sein.

 

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Ein Gedanke zu “Von den Dingen zwischen den Menschen

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